29. Sonntag im Jahreskreis
21. 10. 2012
Mk 10, 35-45
35Da traten Jakobus und
Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass
du uns eine Bitte erfüllst.
36Er antwortete: Was soll ich
für euch tun?
37Sie sagten zu ihm: Lass in
deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.
38Jesus erwiderte: Ihr wisst
nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die
Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?
39Sie antworteten: Wir können
es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und
die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.
40Doch den Platz zu meiner Rechten
und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für
die diese Plätze bestimmt sind.
41Als die zehn anderen Jünger
das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
42Da rief Jesus sie zu sich
und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker
unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
43Bei euch aber soll es nicht
so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
44und wer bei euch der Erste
sein will, soll der Sklave aller sein.
45Denn auch der Menschensohn
ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein
Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
Gedanken zum Evangelium
Die Apostelbrüder wollen Jesus besonders nahe sein, wenn das kommende
messianische Reich kommt. Sie hätten gerne einen herausragenden Platz, wenn die
Gottesherrschaft anbricht, wie sie von den Propheten vorhergesagt worden war.
Sie möchten über den anderen stehen. Vielleicht geht es ihnen auch um die Nähe
zu Jesus, weil sie sich mit ihm besonders verbunden fühlen.
Auch in einer Pfarrgemeinde kann es zu derartigen Wünschen kommen, dass
einige sich dem Pfarrer besonders verbunden fühlen und einen besonderen Platz
in der Pfarrgemeinde anstreben. Sie bedenken nicht, dass sie damit andere
vergrämen oder deren Bereitschaft mitzuarbeiten verhindern könnten.
Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme, sich zurücknehmen sind bei Mitarbeitern
gefragt.
„Bei euch soll es nicht so sein.“
Es scheint den Brüdern auch um Geltung, Ansehen und Beteiligung an der
Macht zu gehen. Wir leben auch in einer Welt, in der die Menschen ermuntert
werden, sich nichts gefallen zu lassen. Man pocht auf seine Rechte in der
großen Welt und ist bereit, Gewalt anzuwenden. Aber auch in der kleinen Welt
des Zusammenlebens werden Kinder, Jugendliche, Ehepartner, Arbeitnehmer von
mehr oder weniger kompetenten Stellen mit dem Schlagwort „Selbstbestimmung und
Freiheit“ aufgerufen, ihre Rechte zu verteidigen. Es gibt die Kampfparolen
gegen wirkliche oder scheinbare Unterdrückung. Alle reden von Rechten, die man
sich nicht nehmen lassen will.
Wird damit die Bereitschaft zum Einsatz für die Mitmenschen, zur
Rücksichtnahme oder einfach zur Nächstenliebe, ohne die eine Gemeinschaft kaum
leben kann, nicht gelegentlich zu Grabe getragen? Der Christ sollte nicht im
Übermaß nach seinen Rechten fragen, sondern nach seiner Berufung, anderen
beizustehen, ihnen Gutes zu tun, sie liebevoll zu begleiten, etwas für sie zu
leisten.
„Werdet ihr den Kelch trinken, den ich
trinke...?“
Voraussetzung für die Teilnahme am Reich Gottes ist die Bereitschaft zur
Nachfolge Jesu. Dies bedeutet, auch sein eigenes Lebensschicksal und letztlich
sein Todesschicksal in gleicher Gesinnung wie Jesus anzunehmen.
Der Christ legt sein Leben mit allen Höhen und Tiefen vertrauend in die
Hände Gottes. Er betet täglich: Dein Wille geschehe. Es gibt Sonnenzeiten, in
denen dieses Ja zu Gott und dem eigenen Lebensweg leichter fällt, aber auch
Schattentage, an denen das Kreuz schwer auf Menschen lastet. Wer mit Jesus
lebt, erkennt zunehmend, dass er sich auch in finsteren Zeiten der Liebe Gottes
sicher sein kann, und dass er wie Jesus durch sein Leben und Sterben zur
Auferstehung gelangen wird.
„...wer bei euch groß sein will, soll
der Diener aller sein,..“
Das Dienen ist nicht in. Es gibt keine Dienstboten mehr, die Aufräumerin
wurde zur Raumpflegerin, der Holzknecht zum Waldarbeiter, der Diener zum
Hausangestellten usw. Man lässt sich gerne bedienen bei der Fußpflege, beim
Frisör, im Gasthaus, im Fitnessstudio. Die „Dienstleistungsbetriebe“ florieren.
Wenn man selbst Dienste leistet, will man mit Recht ordentlich dafür bezahlt
werden.
Welche Haltungen kann man von Christen erwarten? Die Grundhaltung des
Dienens ist bei allen gefordert, beim Politiker, beim Pfarrer, beim Bischof und
beim Papst. Dieser wird ja „Diener der Diener Gottes“ genannt, auch wenn dies
in der Kirchengeschichte nicht immer der Realität entsprach. Diese
grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst an den Mitmenschen sollte unter allen
Christen und besonders auch in jeder Pfarrgemeinde vorherrschen. Keiner sei
überheblich, jeder soll seine Aufgabe als einen Dienst an der Gemeinde
auffassen. Der freiwillige Einsatz für die Menschen soll bei uns einen hohen
Stellenwert behalten.
„Denn der Menschensohn ist nicht
gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als
Lösegeld hinzugeben für viele.“
Jesu Beispiel ist unsere Norm, wie wir als Christen in den
Missionsländern, in unseren Pfarrgemeinden, aber auch im täglichen Leben der
Familie und der Arbeit miteinander umgehen sollen. Auf irgendeine Weise sollten
wir immer bereit sein, für unsere Brüder und Schwestern ein wenig von unserem
Leben, unserer Zeit, unserem Geld hinzugeben.
Motto des Missionssonntages könnte
lauten: Wir sind nicht zur Machtausübung, sondern zur dienenden Liebe berufen,
durch die allein die Welt gerettet werden kann. (merli@utanet.at)