Mittwoch, 21. November 2012



Einführung

Im Lesejahr C, dem „Lukasjahr“, sind die Evangelienperikopen zumeist aus dem dritten Evangelium genommen.

Auch dieses Evangelium nach Lukas ist eine Art „Harmonie“ aus Markus, Logiensammlung (Q) und Sondergut (S). Im Unterschied zu Mattäus werden jedoch größere Teile des Markus ausgelassen - gemeinsam sind nur etwa 350 Verse von 661 -, der Q- Stoff wird oft in anderer Anordnung und Form geboten, und das Sondergut nimmt fast die Hälfte des ganzen Lukasevangeliums ein. Hinzu kommt die tiefgreifend lukanische Redaktionstätigkeit, die dem Evangelium von der ersten bis zur letzten Zeile den Stempel unverwechselbarer Eigenart aufdrückt.

Lukas stellt sich in seinem Vorwort (1, 1-4) als Apologet (Verteidiger), als
(modern gesprochen) Fundamentaltheologe vor, der die Richtigkeit der christlichen Lehre zwar nicht beweisen, aber glaubwürdiger machen will. Der gläubige Leser, repräsentiert in der Gestalt des „Theophilus“ (1, 3), soll sich selbst von der Zuverlässigkeit der Worte und Ereignisse, die ihm in der Katechese mitgeteilt wurden, überzeugen.

Mit Lukas beginnt also ein neuer Abschnitt christlicher Literaturgeschichte. Das junge Christentum wird erstmalig bewusst „literarisch“ tätig, es wendet sich an den einzelnen gebildeten Leser, um ihm die historischen Grundlagen des Glaubens „von Anfang an“ und „der Reihe nach“ darzulegen. Diese erklärte Absicht stößt jedoch bald an ihre Grenzen. Auch Lukas vermag mit seinem „sorgfältigen Nachforschen“ die Lücken der Überlieferung nicht zu schließen, und an ihrem kerygmatischen (verkündigenden) Charakter will er nichts ändern. So ist Lk trotz seiner apologetischen (verteidigenden) Zielsetzung ein „Evangelium“ geblieben (und kein bloß historisch-biographischer „Bericht“). Als liturgisches Vorlesebuch ist es von den Gemeinden mit großer Freude und Dankbarkeit aufgenommen worden, zumal es die schönsten Geschichten enthält, die das ganze Neue Testament kennt.

Die Umstände, die eine „Versicherung im Glauben“ notwendig machten, waren keine anderen als die in nachapostolischer Zeit üblichen: der zunehmende Abstand von den ursprünglichen Heilsereignissen, das Ausbleiben der Parusie (Wiederkunft Christi), die allgemeinen Ermüdungserscheinungen in den Gemeinden. Die Besonderheit des Lk kann deshalb nicht in der kirchlichen Situation allein gesucht werden, sie beruht auf der genialen Einfachheit seiner in Erzählform vorgetragenen theologischen Lösungen. Man darf Lukas den mit Abstand besten narrativen (erzählenden) Theologen des ganzen Neuen Testaments nennen (Aus Franz Josef Schierse, Einleitung in das Neue Testament, Patmos).

Im Textbestand des Lk wird nicht gesagt, wer der Autor des Textes ist. Durch literarkritische und semantische Stil- und Wortschatzvergleiche lässt sich nachweisen, dass Lk und Apostelgeschichte (Apg) ein und denselben Autor haben. Seine theologische Akzentsetzung weist ihn als Heidenchrist, der für die heidenchristliche Kirche schreibt, aus. Er hat keine persönliche Kenntnis Palästinas, vermeidet hebräisch-aramäische Begriffe und orientiert sich an heidnischer Bildung und Dichtung (Prooemium). Ihm ist die griechische Bibel des Alten Testaments (Septuaginta, LXX) zur Hand. Der anonyme und unbekannte Autor lässt sich also als gebildeter Heidenchrist ermitteln (Aus Paul G. Müller, Lukas-Evangelium, Kath. Bibelwerk Stuttgart).